Perlen der Poesie
   
Die Irren

Rein ist das Licht um unsere Tage
Wie ein bleicherer Sonnenschein.
Und wie reife Blumen stehn wir und ragen
In das fröhliche Licht voller Bläue hinein.

Früher saßen wir tief in dumpfen Stuben,
Und das wolkige Leben war über uns fort,
Und wir horchten immer um unsrer Gruben
Grauen Himmel in dem schläfrigen Ort.
 
Jemand hat uns gerufen, wir durften nicht warten,
Unsre Wege zogen durch Trübes lang.
Und die wandernden Tage, die kurzen und harten,
Machten flüchtiger unseren Gang.

Hinter uns gehet noch Schall und das dumpfe Rauschen
Wie von stillen Wassern versunkener Welt.
Manchmal noch drehn wir die Schultern und lauschen,
Wenn ein Schrei wie ein Stein in die Ruhe uns fällt.

Sind wir doch froh und gekleidet in schöne Gewirke,
Wir sitzen singend im ländlichen Wald.
Und er darf nicht herein in unsre Bezirke
Der in den Zaun seine Hände noch krallt.

Nicht mehr lange danach, daß wir Bäume werden,
Wie wir waren dereinst in dem früheren Sein,
Ruhig wie schlafende Träume auf dunkeler Erde,
Niemand fasset in unsere Adern hinein.
 
Georg Heym


 Zum Gedenken an…
 
Georg Heym
 
- geboren am 30. Oktober 1887 in Hirschberg/Schlesien

- gestorben am 16. Januar 1912 in Berlin
 
Aus Anlaß seines 100. Todestages sind Georg Heym alle vier Rubriken
Perlen der Poesie des vorliegenden Jahrgangs 16
der hortus Korrespondenz gewidmet.

Er braucht Stürme

von Tobias Schwartz

 
In seiner Lyrik thematisierte Georg Heym die Ängste und Visionen einer ganzen Generation. Zum Zeitpunkt seines frühen Todes gilt er als Hoffnungsträger der modernen Lyrik.

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